Zeit lässt Anklage schwimmen

Ein angeklagter Jugendlicher sollte sich eines unfeinen Deliktes schuldig gemacht haben. Die Aktenlage bot auf den ersten Blick relativ wenig Angriffspunkte. Einzig die Tatsache, dass die Tatzeugen (laut Anklage Opfer) zum Tatzeitpunkt noch Kinder waren, ließ die Sache sowohl für Anklage wie auch für die Verteidigung schwierig aussehen.

Das Landgericht holte nach massiven Anträgen der Verteidigung dann letztlich doch noch vorprozessual Glaubhaftigkeitsgutachten bezüglich der Zeugen ein. Schon die vorläufige Einschätzung des Gutachters kegelte einen Zeugen fast vollständig aus dem Verfahren.

Die Vernehmung der Zeugen in der Hauptverhandlung ergab dann massive Schwierigkeiten, die Taten zeitlich einzuordnen. Nicht einmal das Jahr, in dem die Taten begangen worden sein sollten, war mehr sicher. Die vernehmenden Polizeibeamten hatten zuvor die auffallend genauen und übereinstimmenden Zeitangaben der kindlichen Zeugen nicht hinterfragt. Ein Fehler, wie sich herausstellen sollte.

Je mehr Zeugen befragt wurden, desto unsicherer wurde die zeitliche Einordnung. Die Anklage geriet ins Schwimmen. Die Unsicherheit über das Tatjahr brachte schließlich die Unsicherheit über die Strafmündigkeit des Angeklagten zum Tatzeitpunkt und somit die Einstellung des Verfahrens (und den Freispruch bzgl. weiterer Taten, die durch gutachterlich als unglaubhaft erkannte Zeugenangaben in die Anklage gerutscht waren) mit sich.

Diese Unklarheit hätte eine sinnvolle polizeiliche oder staatsanwaltschaftliche Vernehmung frühzeitig erkennen können. Dann wäre entweder zeitnah eine Klärung möglich gewesen. Oder man hätte bei fortbestehender Unklarheit auf Anklage, Verfahren und damit eine erhebliche Belastung der Zeugen durch die Aussagesituation verzichtet. Das wäre wohl für alle besser gewesen.

Jedenfalls zeigte das Verfahren, dass die Behandlung minderjähriger Zeugen, insbesondere solcher im Kindesalter, sowohl von den Strafverfolgern wie auch von Gerichten und Verteidigung ein besonderes Fingerspitzengefühl erfordert. Dass insoweit Glaubhaftigkeitsgutachten vor dem Beginn der Hauptverhandlung (und fortsetzend während er Hauptverhandlung) sinnvoll sind, hat dieses Verfahren auch bewiesen.